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James Bond, Knecht
Ortler und die
Eisenbreche

Warum regen sich die Naturschützer eigentlich immer so furchtbar auf, wenn neue Lifte gebaut werden 
oder ein neues Kraftwerk droht? Weil am Schneehuhn und an der Wasseramsel die Welt zerbricht? 
Oder vielleicht ganz einfach wegen der schieren Masse der Projekte?

Ein Glossar zu den vielen unterschiedlichen Brennpunkten der Alpen in Deutschland, Österreich und Südtirol.

Alpine Coaster, der: beschönigend verwendeter Anglizismus für weiterentwickelte Sommerrodelbahn. Hat neben Flying Fox (= Seilrutsche) und Sky-, Thrill-, Cliff- oder Peakwalk (= Hängebrücke) mittlerweile einen festen Platz unter den artifiziellen Kirmes- und Nervenkitzeleinrichtungen der Alpen. Soll den Wertschöpfungsmaximierern (= Bergbahnen) die Bilanz im Sommer versüßen.

Beschneiung, die: flächendeckendes Alpenphänomen, das ausbleibende Naturschneemassen ersetzen soll. Findet alleine in Österreich auf 154 Millionen Quadratmetern und in Südtirol heute auf beinahe sämtlichen Pisten mit Hilfe von Gerätschaften statt, die ganz sicher nur rein zufällig an Kriegsmetaphorik 
(→ Kanone) erinnern. Wird von einem Teil der Alpenbevölkerung als Strom- und Wasserfresser verachtet, von dem anderen Teil als Garant für ein ungetrübtes Skivergnügen glorifiziert; scheidet jedenfalls die Geister. Lässt sich mit der Aspirineinnahme eines Säufers vergleichen, der damit erfolgreich die Kopfschmerzen bekämpft, aber immer noch kein Mittel gegen die schleichende Leberzirrhose besitzt.

Eckhalde: Berg mit → Alpine Coaster bei Immenstadt, Bayern

Eisenbreche, die: schluchtenähnliches Naturdenkmal im Hintersteiner Tal (Allgäu), das durch ein geplantes Wasserkraftwerk namens Älpele überregionale Berühmtheit erlangte. Ist eigentlich fünffach geschützt, unter anderem als Naturdenkmal und Naturschutzgebiet (NSG). Dürfte trotz eines Beschlusses des Augsburger Verwaltungsgerichts, welches die Erschließungsvorhaben für unzulässig erklärte, eher nicht für immer und ewig sicher sein.

Golm: Berg mit → Alpine Coaster, Montafon

Handalm, die: 1853 Meter messende Erhebung in der steirischen Koralpe, die 2017 mit 13 jeweils 120 Meter hohen Windrädern bestückt wurde. Stellt damit sämtliche Berge mit Riesengipfelkreuzen wie etwa die Buchensteinwand in den Kitzbüheler Alpen locker in den Schatten.

Hochstein: Berg mit → Alpine Coaster bei Lienz, Osttirol

Horn, Riedberger: von Luis Trenker angeblich einmal als „schönster Skiberg Deutschlands“ bezeichnetes, 1787 Meter hohes Politikum. Ist qua Alpenplan eigentlich von touristischen Erschließungen ausgeschlossen. Verleitete wegen seiner Lage zwischen den überregional bedeutungslosen Skigebieten Grasgehren und Balderschwang das bayerische Parlament trotzdem dazu, den Alpenplan zwischenzeitlich umzumodellieren. Gilt mitsamt seinen ebenfalls zum Politikum gereiften Birkhühnern nach einem wundersamen Kurswechsel des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder inzwischen als gerettet – ebenso wie neuerdings auch der Alpenplan (→ Doppelter Riedberger).

James Bond, 007: fiktiver, nahezu unschlagbar vielseitiger Actionheld, der neben diversen Schlafzimmern und Martiniflaschen nun auch noch das Ötztal erobert. Soll dort in Form einer monströsen James-Bond-Installation dem Söldener Seilbahnhalbgott Jack Falkner bei der sukzessiven Durchdringung des asiatischen Marktes assistieren. Kann beim nächsten Besuch vielleicht am Gondelseil direkt zum Pitztaler Gletscher flyingfoxen 
(→ Pitztaler Gletscher).

Jenner, der: Aussichtsberg am Königssee im Berchtesgadener Land, der bis vor kurzem für Nostalgiegondeln, eine kleine tägliche Völkerwanderung in Richtung Gipfel und ein Skigebiet von höchstens regionaler Bedeutung bekannt war. Wird nach Investitionsmaßnahmen von 50 Millionen Euro in Zukunft für Zehnergondeln, eine große tägliche Völkerwanderung in Richtung Gipfel und ein Skigebiet von immer noch höchstens regionaler Bedeutung bekannt sein.

Kalkkögel, die: schroffes, bislang vor allem durch Wanderwege und Kletterrouten erschlossenes Ruhegebiet mit dolomitenhafter Anmutung nahe Innsbruck. Sollte für die Verbindung der Skigebiete Schlick im Stubaital und Axamer Lizum mit einem Lift verziert werden. Fand schließlich sogar in der Tiroler Landesregierung genügend Fürsprecher für ein Leben ohne Kabel. Weckt dennoch weiterhin die Begehrlichkeiten mancher Liftlobbyisten.

Kals am Großglockner: kleines Osttiroler Bergdorf am Rande des Nationalparks Hohe Tauern. Hatte sich wegen seiner Bergsteiger-Historie und der Ursprünglichkeit einmal den Titel „Bergsteigerdorf“ verdient. Musste diesen nach Investitionen durch eine Tiroler Liftkaiserfamilie abgeben. Besitzt dafür jetzt ein Großskigebiet und ein Riesenresort samt schwarzem Hochhaus.

Kanone, die: Geschütz, das per Definition bei der Artillerie, Flugzeug- und Panzerbewaffnung Verwendung findet. Hat mittlerweile allerdings auch einen unaufhaltsamen Siegeszug als Geschütz für → Beschneiung in den Skigebieten der 
Alpen angetreten.

Klausberg: Berg mit → Alpine Coaster im Ahrntal, Südtirol

Kolbensattel: Bergformation mit → Alpine Coaster bei Oberammergau, Bayerische Alpen

Langtauferer Tal, das: weitgehend ursprüngliches Gebiet im Vinschgau. Soll über eine Umlaufbahn zum Weißseejoch mit dem Kaunertaler Gletscherskigebiet in Österreich verbunden werden. Veranschaulicht wie der geplante und teilweise schon genehmigte Zusammenschluss von Sexten und Sillian auf der anderen Seite Südtirols dennoch ganz gut, was die Skigebietsbetreiber unter grenzübergreifender Zusammenarbeit verstehen.

Malfontal, das: weitgehend ursprüngliches Gebiet in der Arlbergregion. Soll nach der Verbindung von Warth-Schröcken mit Lech-Zürs im Jahr 2013 und Lech-Zürs mit St. Anton am Arlberg im Jahr 2016 demnächst für die Verbindung von Kappl mit Warth-Schröcken-Lech-Zürs-Sankt Anton am Arlberg genutzt werden. Würde damit das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs um den weltweit längsten Skigebietsnamen erweitern – wenn nicht irgendwann Saalbach-Hinterglemm-Fieberbrunn-Leogang eine weitere Ehe mit Zell am See-Kaprun eingeht.

Muttekopf: Berg mit → Alpine Coaster bei Imst, Tirol

Ortler, der: gerne mit dem Zusatz „König“ versehener höchster Berg Südtirols. Soll nach Wünschen der Liftbetreiber von Sulden zumindest mit einem Fuß stärker in das Skikarussel integriert werden und künftig als hervorragender Marketingknecht in der noch zu schließenden Panoramarunde Ortler Ronda innerhalb des Nationalparks Stilfser Joch dienen.

Patscherkofel, der: wichtigster unter den grob geschätzt 13 Innsbrucker Hausbergen mit einem der größten und ältesten Zirbenbeständen Europas, einer olympischen Skirennstrecke und einem entwürdigenden Sendemasten am Gipfel. Außerdem der wichtigste Föhnberg Tirols. Bekam im Zuge eines ausgeprägten Faceliftings vor dem Winter 17/18 unter anderem einen neuen Gastronomiebetrieb und eine neue Seilbahn verpasst, die trotz der Projekt-Gesamtkosten von 70 Millionen Euro erstaunlicherweise nur ein tragendes Seil hat. Kann wegen der regelmäßigen Föhnwinde von mehr als 80 Stundenkilometern daher nun regelmäßig nicht mit der Bahn befahren werden.

Pitztaler Gletscher: hieß bis zu seiner Erschließung Mittelbergferner. Mittlerweile Mittelpunkt eines gleichnamigen Skigebiets, deren Betreiber mit harten Bandagen für einen Zusammenschluss mit dem Ötztaler Skigebiet (→ James Bond) kämpfen. Geriet im Sommer 2018 wegen nicht genehmigten Bauarbeiten in die Schlagzeilen – nachdem schon 2006 illegal an einer Talabfahrt herumgewerkelt wurde.

Raufußhuhn, das: Mitglied aus einer Unterfamilie der Hühnervögel. Tritt in Medienberichten höchstens stark anonymisiert als Auer-, Birk-, Hasel- oder Schneehuhn in Erscheinung. Gilt in Zeiten des Wirtschaftsliberalismus wegen fehlender Lobbyarbeit vielen als gefiederte Lachnummer. Hat genau genommen auch ein Recht auf ungestörte Lebens- und Paarungsräume.

Riedberger, Doppelter: vom Journalisten Georg Bayerle in einer Hörfunkglosse eingeführter Begriff für ein politisches Wendemanöver (→ Riedberger Horn).

Rosskopf, der: schöner Rodelberg bei Sterzing mit kleinem Skigebiet, das Italienreisenden meist nur wegen der über die Brennerautobahn angelegten Gondeltrasse bekannt sein dürfte. Soll nun eine teils südexponierte Talabfahrt sowie eine das Landschaftsschutzgebiet durchschneidende Verbindung zum ebenfalls kleinen Skigebiet Ladurns erhalten. Könnte auch einfach ein schöner Rodelberg bei Sterzing mit kleinem Skigebiet bleiben.

Sudelfeld, das: nach einer Berglandschaft im Mangfallgebirge benanntes Skigebiet mit etwas größerer überregionaler Bedeutung als → Jenner, Grasgehren oder Balderschwang (→ Riedberger Horn). Wurde kürzlich mit Hilfe von Fördergeldern in Höhe mehrerer Millionen einer umstrittenen Modernisierung unterworfen. Dürfte dank der Nähe zu München weiterhin etwas größere überregionale Bedeutung als Jenner, Grasgehren und Balderschwang besitzen und gilt als "größtes Speicherbecken Bayerns".

Sattelberg, der: 2115 Meter hohe Erhebung an der Grenze zwischen Italien und Österreich, die für den Windpark Brenner mit insgesamt 31 Windkraftanlagen ihren Buckel herhalten soll­te. Wurde durch Urteile verschiedener gerichtlicher Instanzen in seinem derzeitigen Erscheinungsbild erhalten, worauf der Wind­kraftanlagenhersteller Leitwind – eine Marke des Südtiroler Seil­bahnunternehmens Leitner AG – im Jahr 2017 mit einer halb­seitigen Todesanzeige in der Tageszeitung Dolomiten reagierte.

Serles, die: Berg mit → Alpine Coaster bei Mieders, Tirol

Sellrain-Silz: umstrittenes Kraftwerkprojekt im Kühtai unter dem Kommando der dauerhaft erschließungsfreudigen Tiroler Wasserkraft AG (Tiwag). Bezieht als eines der leistungsstärksten Pumpspeicherkraftwerke Europas einen Großteil seiner Energie aus bislang zwei Speicherseen im Finster- und Längental. Steht nach langem Tauziehen kurz vor einem Ausbau mit einer neuen 100 Meter hohen Staumauer und sechs Wasserfassungen.

Val Gronda, Piz: geologisch einzigartiger, heute in den Ischgler Massenskibetrieb integrierter Berg mit diskutablem wirtschaftlichen Nutzen. Gilt vielen eher als Beispiel dafür, dass die Seilbahnindustrie ein beinahe unendliches Durchhaltevermögen besitzt, um das ungleiche Muskelspiel gegen Kritiker zu gewinnen.

Wildsee, Pragser: gerne als touristisches Kleinod bezeichneter Bergsee innerhalb des Naturparks Fanes-Sennes-Prags. Degeneriert in Zeiten des Instagram-gesteuerten Hotspot-Fremdenverkehrs immer stärker zum Symbol für Overtourism, Parkplatzkleinkriege und ein alpenweites Blechlawinenphänomen, das freilich kein Instagrammer zeigen möchte. Beweist, dass es immer noch zu vielen Menschen immer noch zu viel Spaß macht, im Stau zu stehen. Wäre eigentlich auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Wasser, das: lebenswichtige, gemeinhin unterschätzte chemische Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff, die in den Alpen in verschiedenen Aggregatszuständen und oftmals noch in hervorragender Qualität vorkommt. Wird dennoch immer häufiger wie Abschaum behandelt.

Zufahrtsstraße, die: infrastrukturelle Maßnahme für Fahrzeuge. Wird seit der Jahrtausendwende immer häufiger auch quer durch die Bergwelt zur hinterletzten Alm angelegt, um den Ausschank an Gäste zu vereinfachen. Ist in einem Gesamtkonzept für Almerschließungen bislang nicht wirklich existent.

Zukunft, die: abstrakter Begriff für das, was da noch kommen mag. Gilt den Naturschützern dann als gesichert, wenn die Alpen der Nachwelt erhalten bleiben, den Naturnützern, wenn die Alpen auch den Konsum der Nachwelt sicherstellen.